Die Kunst des Buchbindens

Bücher erzählen Geschichten. Sie bewahren Erinnerungen und erhalten somit Kulturgüter. Seit ich denken kann, liebe ich den Geruch von alten Werken, das Durchblättern der einzelnen Seiten und außergewöhnliche Einbände. Daher war mein Besuch in der Universitätsbuchbinderei Fritz Castagne etwas ganz Besonderes für mich.

Im Zeitalter der Digitalisierung hat sich der Stellenwert von Büchern doch etwas verschoben. Wie oft sehe ich Menschen in der Bahn mit E-Books in den Händen. Damit konnte ich bisher nicht so viel anfangen. Ich war überrascht, als ich erfuhr, dass in der Buchbinderei Fritz Castagne in Kiel Bücher noch nach jahrhundertealtem Handwerk gefertigt werden. Keine rasenden Druckmaschinen, die computergesteuert sind oder vollautomatisch funktionieren. Bei meinem Besuch in dem Traditionshaus ist mir erneut bewusst geworden, wie wertvoll so ein Buch eigentlich ist.

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Die Buchbinderei Fritz Castagne befindet sich in der Faulstraße und ist von außen aufgrund der großen Schaufenster kaum zu übersehen. Beim Betreten des vorderen Verkaufsbereiches staune ich nicht schlecht: Die Werkstatt ist komplett offen gestaltet. Es ist 10 Uhr und es wird schon fleißig gewerkelt. Inhaberin Stefanie Tönnis kommt auf mich zu.

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2001 hat Stefanie den Laden, der auf eine über 200 Jahre alte Traditionsgeschichte zurückblicken kann, übernommen. Schon früh wusste die gebürtige Dortmunderin, in welche Berufsrichtung sie gehen möchte. „Nach dem Abitur wollte ich erst Restaurierung von Schriftgut und Grafik studieren, die vielen Voraussetzungen dafür schreckten mich aber ab. Dann begann ich die Ausbildung bei Fritz Castagne. Machte 1995 meinen Meister“, erzählt mir die Mutter einer 12-jährigen Tochter, die leidenschaftlich gerne etwas mit ihren Händen erschafft. Im Laufe der Zeit konnte sie aber auch einige Veränderungen in ihrem Berufsfeld beobachten. „Vor allem Fotoalben werden heutzutage leider fast ausschließlich im Internet selbst zusammengestellt“, schildert mir die 47-Jährige, die sich zwischendurch um die ersten Kunden kümmert.

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Mir fallen die vielen Geräte ins Auge. Sie sehen nicht nur so aus, als stammten sie noch aus einem anderen Zeitalter. „Das Besondere ist, dass wir hier immer noch damit arbeiten. Fast so wie die Mönche vor über 600 Jahren“, erklärt mir Stefanie stolz. In den Regalen sehe ich so einige uralte Bücher, ein Materiallager mit verschiedenen Papieren und Fotokartons im Großformat. Auf der Werkbank steht ein Nähkasten, den eine Kundin von ihrer Großmutter erbte und nun erneuern lassen möchte.

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Ein junges Mädchen arbeitet neben mir gerade an einem zerfallenen Schriftwerk. Frieda, mit Bleistift hinter ihrem Ohr, ist hier eine von zwei Auszubildenden. Sie erklärt mir, dass sie gerade den Rücken einer alten Bibel verstärkt. Eine sehr filigrane Arbeit. Neben Restaurationsarbeiten und Sonderanfertigungen werden aber auch Fachzeitschriften von Ärzten, Steuerberatern oder Rechtsanwälten gebunden. Ich kann sogar bei der Klebebindung dieser zuschauen.

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Lizzy – Stefanies Auszubildende im ersten Lehrjahr – steckt mich mit ihrer Faszination für das Handwerk richtig an. Mit leuchtenden Augen berichtet mir das zierliche Mädchen mit braunem Zopf und Brille, wie sie dazu gekommen ist, Buchbinderin zu lernen: „Als ich 15 Jahre alt war, habe ich den Roman ‚Tintenherz’ von Cornelia Funke verschlungen. Eine Figur in dem Buch ist Buchbinder. Ich fand es so schön, wie sehr er Bücher liebt. Da erkannte ich mich sofort wieder. Ich liebe Bücher, ich liebe Papier.“
Nun darf ich Lizzy noch beim Üben, wie sie die Schrift mit Goldfolie auf einen Buchumschlag prägt, über die Schulter schauen. „Die Buchstaben werden im sogenannten Schlitten erhitzt. Mit viel Druck und Hitze wird die Folie dann auf das Material geprägt. Ohne Folie nennt man das Blinddruck“, erklärt sie mir, während sie konzentriert arbeitet.

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Stefanie hat in ihrer Berufslaufbahn schon einige Meisterwerke geschaffen. Sie zeigt mir Gästebücher, die wunderschön verziert sind. Besonders beeindruckend finde ich den Goldschnitt: Die Ränder der einzelnen Buchseiten sind so akkurat mit Blattgold bearbeitet, dass sie zusammen aussehen wie ein glänzender Spiegel. Mit funkelnden Augen erläutert mir die Meisterin sogar die einzelnen Arbeitsschritte. Die Leidenschaft für ihre Arbeit spüre ich dabei in jedem Satz.
Wusstet ihr, dass es Buchbinder-Wettbewerbe gibt, bei denen Lehrlinge ein ungebundenes Buch erhalten mit der Aufgabe den passenden Einband zum Inhalt zu gestalten? Sie überlegen sich Materialien, Techniken, Schnittverzierungen. Die besten Ergebnisse werden sogar ausgestellt (nächstes Jahr in Marburg).

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Ich sehe edle Speisekarten-Umschläge, die man hier ebenfalls ganz individuell anfertigen lassen kann. Auf einem Tisch daneben liegt ein dicker Schinken aus dem 16. Jahrhundert. „Solche Bücher haben so viel Geschichte, da wird man schon ein wenig ehrfürchtig“, sagt Stefanie und streicht vorsichtig über die vergilbten Seiten.

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Der vordere Verkaufsraum lädt übrigens zum Stöbern ein. Kleine Leporelli mit marmorierten oder geprägten Mustern, Stempel und andere Kleinigkeiten aus Papier. Sogar ein Set zum eigenen Buchbinden kann man hier erwerben.

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Buchbinderei? Das ist ein wahrlich meisterhaftes Handwerk. Ein Beruf mit vielen Seiten. Zum einen wird etwas mit jahrhundertealten Techniken konserviert und erhalten, dabei kommen aber auch moderne Materialien zum Einsatz. Zum anderen kann man seiner Kreativität freien Lauf lassen. Vielleicht auch ein kleiner Künstler sein. Zwei Komponenten, die diesen Arbeitsbereich sehr vielfältig machen, finde ich.

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Ich werde auch in Zukunft dem Trend der E-Books widerstehen. Ein Buch ist etwas, das bleibt, das ich anfassen kann, das ich weiterreichen kann, das Gedanken zu unzerstörbaren Erinnerungen macht.

Geht es euch auch so?

Fotos/Text: Finja Schulze
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Universitätsbuchbinderei Fritz Castagne
Inhaberin Stefanie Tönnis
Faulstraße 20
24103 Kiel

Öffnungszeiten
Montag bis Freitag 8.00 – 12.30 Uhr & 13.30 – 16.30 Uhr

Tel.: 0431 94647
E-Mail: fritzcastagne@gmx.de

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1 comment

  1. Ein Freund meiner Eltern ist ebenfalls Buchbinder – ein Handwerks-Beruf, der fast ausgestorben zu sein scheint. Schön, dass es doch noch den einen oder anderen Menschen gibt, der diesen Beruf am Leben hält. Die drei sehen auch super sympathisch aus. 🙂

    LG, Sabrina